
"In den 70er-Jahren hat's in unserem Dorf 24 Bauern gegeben. Jetzt sind wir noch zu zweit", so veranschaulichte Gisela Sengl das rapide Höfesterben. Die agrarpolitische Sprecherin der Grünen im Bayerischen Landtag bewirtschaftet mit ihrem Mann einen Bio-Getreide- und Gemüsebaubetrieb im Chiemgau. Im Oberdorfener Bluespunkt sprach sie über Glyphosat, das Verschwinden vieler Tier- und Pflanzenarten und grüne Forderungen an die Landwirtschaftspolitik.
Glyphosat sei nur eines von rund 700 "sogenannten Pflanzenschutzmitteln", doch als Totalherbizid besonders wirksam und auch sehr preiswert. Mechanische oder thermische Unkrautbekämpfung sei arbeitsaufwändiger, teurer und zu wenig erforscht.
"Es ist ein fataler Fehler", sagte Sengl, "dass bei der Zulassung von Pestiziden nur die Wirkung auf Honigbienen untersucht werden muss." Denn 70 Prozent der Bestäubungsleistung bei unseren Kulturpflanzen würden von Wildbienen, Hummeln und anderen Insekten erbracht. Der Rückgang der Fluginsekten um 75% seit 1990 und das dadurch mitverursachte Verschwinden von 50% der Singvögel (seit 1980) bringe uns der Schreckensvision des "stummen Frühlings" immer näher.
Zur Rettung der Artenvielfalt fordern die Grünen ein gesetzliches Verbot von Glyphosat und Neonikotinoiden. Bis 2030 müsse der Pestizideinsatz halbiert und langfristig ganz beendet werden. Und: "die landwirtschaftliche Ausbildung muss sich ändern", betonte Sengl. Ökologische Anbaumethoden müssten als gleichwertiges Pflicht- und Prüfungsfach an den Landwirtschaftsschulen unterrichtet werden.
Um eine Agrarwende hin zu mehr Nachhaltigkeit herbeizuführen, sei vor allem die Gemeinsame Europäische Agrarpolitik (GAP) gefordert. Derzeit werde durch die GAP jeder Hektar mit einer einheitlichen Summe gefördert, egal, auf welche Weise er bewirtschaftet werde. "Wir wollen einen Systemwechsel", sagte Sengl. "Die Zahlungen dürfen nicht rein nach Flächenbesitz bemessen werden, sondern danach, welche Leistungen der Betrieb für Artenvielfalt, Wasser- und Bodengesundheit, Klimaschutz und Tierwohl erbringt."
Die Ausführungen von Gisela Sengl blieben nicht unwidersprochen. Unter den rund 30 Besuchern des Abends waren etliche konventionell praktizierende Landwirte, darunter auch BBV-Kreisobmann Jakob Maier. Sie bezweifelten, dass sich das System der GAP-Auszahlungen verändern lasse. Auch seien die Verbraucher nicht bereit, mehr für die Lebensmittel zu zahlen.
Muss also alles bleiben wie es ist? "Deshalb machen wir ja Politik, um Dinge zu ändern", sagte die Landtagsabgeordnete. Landtagskandidatin Ulli Frank-Mayer, die die Diskussion moderierte, bekräftigte die Notwendigkeit, die politischen Rahmenbedingungen zu verändern. "Es muss sich für alle Bauern rechnen, nachhaltiger zu wirtschaften", sagte sie. "Wir können nur was erreichen, wenn alle mitmachen."
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