
Die Fraktion Bündnis 90/DIE GRÜNEN und die SPD Fraktion im Kreistag Erding stellen im Rahmen der Haushaltsberatungen folgenden Antrag:Der Kreistag möge beschließen:Im Landkreis Erding wird eine Halbtagesstelle für eine Sozialpädagogin/einen Sozialpädagogen für die Beratung schwuler, lesbischer, bi-, trans- und intersexueller (LSBTI)Jugendlicher geschaffen. Aufgabe der Sozialpädagogin/des Sozialpädagogen ist die Beratung und der Kontakt zu hilfesuchenden Jugendlichen, sowie Öffentlichkeitsarbeit im Bereich der Aufklärung (zum Beispiel an Schulen), Beratung und Vernetzung betroffener Jugendlicher.Die dafür nötigen Mittel werden in den Haushalt für das Jahr 2016 eingestellt.
Begründung:Der Landkreis Erding wird im kommenden Jahr das Qualitätssiegel „Bildungsregion in Bayern" erhalten. In der Beschreibung dieses Qualitätssiegels heißt es: „Kein Talent darf verloren gehen -Jungen Menschen in besonderen Lebenslagen helfen“. Für schwule, lesbische, bi-, trans- und intersexuelle Jugendliche ist es in Deutschland noch immer schwer, sich jemandem anzuvertrauen oder Hilfe zu bekommen. Durch die gesellschaftliche Stigmatisierung Homosexueller und den hohen psychischen Druck, dem homosexuelle Menschen, insbesondere Jugendliche, ausgesetzt sind, wird vor allem die Selbstfindungsphase während der Pubertät für viele Jugendliche zur Belastungsprobe. Laut der letzten repräsentativen Emnid-Umfrage im Jahr 2000 fühlten sich 9,4% der Männer und 19,4% der Frauen von Menschen des gleichen Geschlechts angezogen, wobei die tatsächliche Zahl noch deutlich höher geschätzt wird. Das entspricht im Landkreis Erding ca. 2.200 Betroffenen von insgesamt ca. 15.400 Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 25 Jahren.Für diese jungen Menschen in unserem Landkreis gibt es derzeit keine Möglichkeit, Hilfe zu erhalten, da die für diese Thematik ausgebildeten Fachkräfte nicht vorhanden sind. Gleichzeitig bräuchten viele dieser Menschen aber dringend jemanden, dem sie sich anvertrauen können.„Schwul“ ist derzeit eines der weitverbreitetsten Schimpfwörter an deutschen Schulen.Die Ergebnisse der Studie „Da bleibt noch viel zu tun…!“ zeigen, dass ein Handlungsbedarf inder Kinder- und Jugendhilfe besteht, um die Situation von lesbischen, schwulen und transgender Kindern, Jugendlichen und deren Eltern zu verbessern. In der Studie wird unter anderem deutlich, dass die Jugendhilfefachkräfte die Lebenslagen und Entwicklungsmöglichkeiten homo- und transsexueller Menschen als sehr belastet einschätzen und ein Coming Out für den einzelnen Jugendlichen aus Sorge vor möglichen Repressalien immer noch sehr schwierig ist. Gerade auch jugendtypischen Orten wie Schulen und Jugendtreffs wird in der Studie einunfreundliches soziales Klima für lesbische und schwule Jugendliche bescheinigt. Die Jugendhilfefachkräfte gehen davon aus, dass an diesen Orten homophobe Vorkommnisse immer noch verbreitet sind.Bereits vor einem Coming Out ist die Angst vor den Reaktionen groß. Nach der Studie „Lebenssituationen und Diskriminierungserfahrungen von homosexuellen Jugendlichen in Deutschland“ des Deutschen Jugendinstituts von 2013 erfahren 90% der lesbischen/schwulen Jugendlichen Diskriminierung. Für trans- und intersexuelle Jugendliche ist die Situation noch deutlich schlimmer. Dies geht von gesellschaftlicher Diskriminierung über Mobbing bis hin zu körperlicher Gewalt. Oft reicht dafür auch schon die bloße Vermutung einer homosexuellen Orientierung aus. Dies ist nicht nur eine Gefahr für die körperliche Unversehrtheit, sondern insbesondere eine große Belastung für die Psyche. Die Suizidrate unter schwulen und lesbischen Jugendlichen ist vier- bis siebenmal höher, als der Durchschnitt bei 12- bis 25 -jährigen Jugendlichen. Hier kann eine Beratungsstelle vor Ort mit Aufklärungsprojekten (z.B. an Schulen), in Verbindung mit dem direkten Beratungsangebot in unmittelbarer Nähe, eine große Hilfe sein.Wir dürfen LSBTI-Jugendliche nicht vergessen, nur weil sie wenig sichtbar sind. Der Landkreis Erding hat hier die Möglichkeit mit gutem Beispiel voranzugehen, diese jungen Menschen in ihrer Entwicklung zu unterstützen und ganz im Sinne der Bildungsregion in Bayern junge Menschen in dieser Lebenslage zu unterstützen, denn „kein Talent darf Verloren gehen“!