
Beobachtungen der Insektenvielfalt des Finsinger Grünen in seinem naturnahen Garten und auf Reisen 2019. Ein Erfahrungsbericht.
Sommeranfang 2019, 8 Uhr morgens,– Nachrichten im Radio: “ Wochen nach dem Referendum zur Rettung der Bienen erwartet die Allgemeinheit eine allmähliche Verbesserung in Sachen Artensterben – doch die Tatsachen sprechen eine andere Sprache. Statt mehr Bienen auf den Wiesen, was heißen soll auch mehr Honig aus den Waben ist offensichtlich keine Besserung eingetreten. Im Gegenteil – die Honigernte ist weit zurückgegangen oder gänzlich ausgefallen. Der nasse Mai soll die Ursache sein“.
Kann sein, kann aber auch andere Gründe haben. Mir ist da etwas aufgefallen: Pünktlich mit der Märzensonne flatterten die ersten Frühlingsfalter durch den Garten. Zuerst die Winterschläfer wie Zitronenfalter und Tagpfauenauge, dann die frisch aus den Puppen geschlüpften Arten wie Aurorafalter und Kohlweißling. Im April konnten wir uns tatsächlich an zahlreichen Schmetterlingen erfreuen, Bienen und Hummeln waren ständige Besucher.
Sollte es wirklich wieder mehr Schmetterlinge, Käfer und Bienen auf unseren Wiesen, Feldern und Gärten geben?
Nein, so sehr sich manche Politiker auch anstrengen, von einem Jahr aufs andere werden verschwundene Arten nicht wieder zum Leben erweckt. Man kann nur hoffen, dass die, durch das Artenschutzreferendum versprochenen Maßnahmen etwas in positivem Sinne bewirken werden.
Inzwischen ist es Herbst geworden, die Aktivitätszeit der meisten Insekten ist mehr oder weniger für dieses Jahr vorbei – was hat sich in dieser Zeit in Punkto Insektenbestände getan?
Nach dem nassen Mai verliefen die folgenden Monate Juni bis Oktober wettermäßig relativ normal, eventuell waren wieder einige Monate zu warm, was für Insekten aber eher ein Vorteil war.
Ich beobachtete mit großer Aufmerksamkeit die Schmetterlingspopulation im Garten und kam zu folgendem erschreckendem Ergebnis. Erschreckend, weil vom Juni bis Oktober, mit Ausnahme von einigen Weißlingen, so gut wie kein Schmetterling in unserem Naturgarten zu beobachten war. Abgesehen von einigen schwarzen-weiß-rot gefärbten Admiralen und braun-orangenen Distelfaltern, die ich aber nicht als echt heimische Arten bezeichnen möchte, weil diese, sogenannte Wanderfalter, aus den mediterranen Gebieten in den heißen Sommermonaten zu uns fliegen, aber sich hier aus klimatischen Bedingungen nicht erfolgreich fortpflanzen können. Sie sind bei uns nur Gäste. Bald hätte ich es vergessen: Einige Falter waren in den Sommermonaten fast täglich in den Gärten und Wiesen unterwegs und hatten trotz verschiedener Artenzugehörigkeit eine Gemeinsamkeit: All diese Falter waren überwiegend weiß und gehören zur Familie der Weißlinge. Es handelte sich zum Großteil um den Kleinen Kohlweißling und um den sehr ähnlichen Rapsweißling, vereinzelt war auch der Große Kohlweißling dabei.Alle drei Weißlinge sind keine reinen Nahrungsspezialisten, sie begnügen sich mit vielerlei Pflanzenarten, haben allerdings eine Vorliebe für wirtschaftliche Nutzpflanzen wie verschiedene Kohlsorten und weitere Gemüsearten. Eine Ernährungsweise, die den Landwirten überhaupt nicht gefällt und die entsprechend dagegen vorgehen, üblicherweise mittels Chemie.
Warum aber verschwinden die meisten Insekten? Klar, auch wegen der chemischen Keule, aber warum aber gibt es nach wie vor die “schädlichen Weißlinge“ relativ häufig, obwohl diese seit Jahrzehnten ganz massiv bekämpft werden? Können die Weißlinge sich etwa genau wegen der chemischen Einsätze in unserer Landschaft so erfolgreich behaupten? Sind die Raupen von Kohlweißling und Co. durch ständiges Giftbombardement inzwischen gegen alle gängigen Giftsorten immun geworden? So wie einst der russische Mönch namens Rasputin? Oder ist diese Beobachtung völlig aus der Luft gegriffen?
Mit meinen Beobachtungen, die allerdings nicht die Beobachtungen eines Wissenschaftlers sind, kann ich meine Erfahrungen nur aufgrund meiner beruflichen Tätigkeit als Naturfilmer und Naturfotograf wiedergeben. Meine Filmproduktionen (rund 20 Beiträge für den ZDF-Telezoo und 3 Dokumentationen für NDR/ Sielmanns Tierleben) befassten sich zu einem überwiegenden Teil mit Beiträgen aus dem Insektenbereich. Ich weiß also schon, worüber ich berichte. Ein Beitrag hatte den Titel „Die Kinder der Schmetterlinge“ und wurde vom ZDF gesendet. Der etwas eigenartige Titel sollte aufklären, dass es ohne die oft ungeliebten Raupen keine Schmetterlinge gibt. Klar weiß man das heutzutage – oder etwa doch nicht? Vor einem Jahr erzählte mir im Ort eine ältere Dame, dass sie sehr gerne im Garten Schmetterlinge beobachtet. Auf meine Frage was sie von den Raupen im Garten hält, kam prompt die Antwort: „ Na, des Viechzeig mog i ned! Aba wos ham jetzad de Raupn mid de Schmeddaling zdoa?“ Da hat sich also nicht viel geändert.
Geändert hat sich allerdings die Beobachtungsgabe mancher Entomologen, wie man die Insektenforscher nennt. Wie kann es sonst möglich sein, dass rund 20 Jahre lang den Forschern nicht aufgefallen ist, dass nach und nach die Insekten immer weniger wurden und kaum einer es gemerkt hat.
Ich habe lange Zeit auf einen Aufschrei der Wissenschaft zu dieser Problematik gewartet, aber da kam lange nichts. Beim Stöbern in meinen Akten habe ich einen Bericht von mir gefunden, in dem ich auf einen sehr auffälligen Rückgang unserer Insektenarten hingewiesen hatte. Ich wollte diese Zeilen veröffentlichen, aber das Thema hat kein Interesse gefunden. Ein Blick auf das Datum des Schreibens hat mich dann doch etwas erstaunt – diese Zeilen hatte ich vor 18 Jahren in den Rechner getippt. Und wann kamen die ersten wissenschaftlichen Alarmmeldung zum Thema Artensterben? Ich glaube, das war vor zwei Jahren. Auf die Frage eines Reporters im BR an einen Entomologen, warum man das nicht schon früher festgestellt hatte, antwortete dieser: „Wir haben uns in den letzten Jahren eigentlich mehr mit der Zuwanderung von Insekten aus anderen Regionen befasst“. Der oben erwähnte ZDF-Beitrag „Kinder der Schmetterlinge“ hatte eine Länge von 20 Minuten und weil das Thema damals so gut angekommen war, drehte ich nochmals eine Fassung von 45 Minuten. Diesmal mit neuer digitalen Schnitttechnik und mit vielen Arten, die es heute bei uns nicht mehr gibt, also von dieser Seite her filmisch sehr wertvoll. Das ist nun schon einige Zeit her. Doch der Film liegt noch immer in meinem Archiv. Interessiert die TV-Leute nicht. Servus-TV (der österreichische Doku-Sender aus dem Haus „RED BULL“), die den Film „kürzlich angeschaut“ hatten, meinten zu meiner Story: “Tolle Aufnahmen, man sieht, dass Sie mit der Vogelwelt sehr vertraut sind, aber der Beitrag passt leider nicht in unser Programm“. Vielleicht gibt es in Österreich kein Insektensterben? Womöglich haben dort die Vögel auch 6 Beine wie die Insekten? Irgendwie haben die TV-Leute was verwechselt oder, was wahrscheinlicher ist, mangels Interesse den Film gar nicht angesehen.
Leider nur negative Erfahrungen betreffs Insektenvielfalt sammelten wir auf Reisen (ein „wir“ deshalb, weil meine Frau bei allen Reisen, bewaffnet mit der Kamera und inzwischen mit speziell auf Insekten geeichten Suchblick, immer mit von der Partie war und ist). Doch wo nichts mehr ist, da kann auch ein noch so geschultes Auge nichts oder fast nichts mehr finden. Selbst in bekannten ehemaligen Schmetterlingsparadiesen, wie im Regenwald von Costa Rica oder im tropischen Dschungel von Borneo und weiteren exotischen Ländern – überall das gleiche deprimierende Ergebnis: Nichts oder vielleicht fast nichts.
Mit Wehmut denke ich an die paradiesischen Zeiten vor 20 und 30 Jahren, an die Karstlandschaften Istriens zurück, als man beim Durchqueren der Blumenwiesen stets von einer Wolke bunter Schmetterlinge umgeben war. Das widerlegt auch die Meinung vieler Mitstreiter, die sich darauf berufen: „Geduld und nochmals Geduld, wenn wir jetzt die Voraussetzungen schaffen, dann kommen die Falter schon wieder!“ woher bitte schön, woher sollen die wohl kommen?
Inzwischen traue ich mich das Wort „Schmetterlinge“ schon gar nicht mehr in den Mund zu nehmen. Aus manchen Blicken entnehme ich die Gedanken, die dahinterstecken „Oh mei, der Heinz mit seine Schmetterling!“
Doch zurück zu meinen Beobachtungen des diesjährigen Insektensommers.
Vorab das Urteil: Es wird immer dramatischer!
Nachdem die Wissenschaftler endlich festgestellt haben, dass in den letzten 20 Jahren ein Rückgang der Insektenartenvielfalt von bis zu 80% festzustellen ist und demnach nur noch 20% übriggeblieben sind, was erschreckend genug ist, möchte ich behaupten, dass von diesen 20% allein im letzten Jahr wiederum etwa 80% verschwunden sind. Was da nun noch übrig bleibt ist mehr als erschreckend. Selbst dann, wenn diese Rechnung nur meine private Meinung ist und nicht auf wissenschaftlicher Forschung beruht. Da passt doch jetzt die neueste Meldung der TU-München, welche vor wenigen Tagen in allen Medien bekannt gegeben wurde: Wissenschaftler haben festgestellt, dass im vergangenen Jahr ein weiterer, noch dramatischerer Rückgang festzustellen ist. Untersucht wurden, diesem Bericht zufolge, Blumenwiesen mit landwirtschaftlich genutzten Feldern rundherum und Waldgebiete. Man schließt daraus, dass der deutliche Artenrückgang bei den Blumenwiesen wahrscheinlich auf die Insektizid-Spritzungen zurückzuführen ist. Wieso aber ein ebenso starker Rückgang der Insektenarten in den Wäldern nachgewiesen wurde, ist den Wissenschaftlern noch ein Rätsel. Vielleicht kann ein Wechsel von der Entomologie, der Insektenkunde, hin zur Ornithologie, der Vogelkunde, das Rätsel lösen. Bekanntlich haben unsere Singvögel ein Riesenproblem bei der Fütterung ihrer Jungen. Ursache ist der Mangel an Insekten, welche die Vogeleltern für ihre Jungen brauchen, selbst dann, wenn die Eltern reine Körnerfresser sind. Finden Meise, Fink und Co. in der gewohnten Umgebung die gesuchten Insekten nicht mehr vor, sind sie gezwungen, ihre Nahrungsgründe weiter auszudehnen. Wenn in einem solchen Fall ein Wald in der Nähe ist, entsteht logischerweise ein enormer Nahrungsdruck auf die dort lebenden Insekten. Im Wald, speziell in den Nadelwäldern gibt es bei weitem nicht so viele Insektenarten wie in den Gärten, Auen und Blumenwiesen, aber ein Wald hat auch Waldränder, Lichtungen und Waldwege mit einer reichhaltigen Flora und einer dementsprechenden üppigen Insektenwelt, zumindest war das früher so. Auf einen solch rapiden Zuwachs an Fressfeinden waren die Waldinsekten nicht eingestellt und drohen nun ebenfalls auszusterben. Ursache ist hier nicht eine Insektizid-Spritzung wohl aber dennoch dafür verantwortlich. Würde der Einsatz der Insektizide verboten werden, vor allem die Nikotinoide mit ihrer verheerenden Wirkung, gäbe es wesentlich mehr Insekten und die ganze Nahrungskette würde wieder funktionieren.
Weil ich neben den Insekten auch den Bestand der Vogelwelt in unserm Garten aufmerksam beobachte und aufgrund der festgestellten Brutausfälle im letzten Jahr, hervorgerufen durch den Insektenrückgang und den daraus resultierendem Riss in der Nahrungskette, haben wir uns entschlossen ab diesem Jahr unsere Gartenvögel das ganze Jahr über zu füttern und nicht nur im Winter.
Diese Ganzjahresfütterung hatte zur Folge, dass sich die Vogeleltern mehr oder weniger auf die angebotene Zusatzfütterung beschränkten und ihren Nachwuchs überwiegend mit tierischer Nahrung, wie Spinnen und Insekten versorgten. Die fütternden Vogeleltern waren nicht so abgehungert wie im Vorjahr und die Jungvögel kamen in großer Zahl zum Ausfliegen.
Es kamen weit mehr Arten als in den letzten Jahren zum Nestbau und zum Brüten.
Ein erfreulicher Nebeneffekt ergab sich dadurch, dass durch die hohe Konzentration der Vögel am Futterplatz, bei anderen, nicht im Garten brütender Arten, Neugierde geweckt wurde, nach dem Motto: „Wo viele Vögel sind muss es auch viel zum Fressen geben. Die vorbeischauenden Arten, meist Insektenfresser, nahmen zwar nichts von dem angebotenen Futter, nutzen aber reichlich die Trink- und Bademöglichkeiten. Besonders erfreulich für uns Naturfotografen, war regelmäßiger Besuch von umherstreifenden Jungvögeln, welche sonst nach dem Ausfliegen sich nicht mehr im Garten aufhielten. Einige dieser Jungvogelgäste waren Arten wie: Grauschnäpper, Gartenrotschwanz, Hausrotschwanz, Mönchsgrasmücke, Rotkehlchen, Zaunkönig, Bachstelze, Kleiber, Elstern und Buntspechte. Die üblichen Jungvögel von Kohlmeise, Blaumeise, Feldsperling in großer Zahl sowie Haussperling und Amsel teilten mit den sonstigen erwachsenen „Hausvögeln“ besonders gerne die Bademöglichkeiten.
Wer in seinem Garten ebenfalls das ganze Jahr füttert, hat nicht nur viel Freude beim Beobachten, sondern verringert auch den Nahrungsdruck aus der Vogelwelt auf die Insekten, welche sich dadurch vielleicht wieder etwas erholen könnten. Bei uns ist die Anzahl festgestellter Vogelarten im Garten, seit unserem Einzug und der damit verbundenen Gestaltung von einem allgemeinüblichen Garten hin zu einem „Naturnahen Garten“, die registrierte Zahl von 58 auf nun weit über 60 angestiegen. Klar, dass die meisten Gäste (wie Eisvogel, Waldohreule, Waldkauz, Wendehals, Blaukehlchen, Rotrückenwürger usw.), sich auf ein: „mal kurz vorbeischauen“ beschränkten.
Anmerkung von heute, den 10.07.2020: Leider wurden meine Befürchtungen betreffs der Artenmenge bei den Gartenvögel noch übertroffen. Bei den Schmetterlingen kann ich nur sagen: „Aus is und gor is, schlimm is, dass wohr is!“
Heinz Schmidbauer