
Statt gemeinsame Herausforderungen gemeinsam anzugehen, haben die europäischen Regierungen in den vergangenen Jahren die unterschiedlichsten Krisen bloß verwaltet. Schlimmer noch: Nicht selten haben sie ihr ganz eigenes, nationalstaatliches Süppchen darauf gekocht – auf Kosten griechischer Pensionäre, spanischer Jugendlicher, syrischer Geflüchteter; auf Kosten anderer Staaten in der EU; auf Kosten des gesamten Verbundes. Nach und nach ging dabei das Vertrauen in die Europäische Union verloren, in diesen großartigen Traum von Zusammenhalt und Frieden, dessen Wahrwerdung zum Ende des Zweiten Weltkrieges wohl kaum jemand für möglich gehalten hätte. Mit dem Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger aber schwand auch die Bereitschaft, komplexen Antworten auf komplexe Fragen den nötigen Glauben zu schenken, Geduld zu haben und auf die Kompromissfähigkeit eines – zugegeben: unübersichtlichen und reformbedürftigen – Gemeinschaftssystems aus 28 Staaten zu setzen. Beste Voraussetzungen also für Kräfte und Bewegungen, deren Erfolg darauf aufbaut, einfache Lösungsansätze zu propagieren und fälschlicherweise zu behaupten, in einer globalisierten Welt, in der viele Aufgaben und Konflikte schlichtweg keine nationalen Grenzen kennen, lasse es sich allein viel besser leben. Nun also der #Brexit, den ich als überzeugte Europäerin zutiefst bedauere. Nicht, weil ich der Meinung bin, in der EU liefe alles richtig. Im Gegenteil: Seit ich 2009 ins Europäische Parlament gewählt wurde, habe ich Kritik geübt und Reformen eingefordert – bei den Menschenrechten, in der Außenpolitik, mit Blick auf die demokratische Verfasstheit der EU, und natürlich in der beschämend fatalen Flüchtlingspolitik der letzten Jahre und Jahrzehnte. Dennoch bin ich davon überzeugt, übrigens auch mit Blick auf die europäische Entstehungsgeschichte, dass ein verbesserungswürdiges Miteinander dem vermeintlich heilsbringenden Alleingang stets vorzuziehen ist. Das aber setzt voraus, dass wir beherzt für die Vorzüge des Gemeinsamen werben. Wir müssen eine Antwort auf Altersarmut, Jugendarbeitslosigkeit und soziale Zukunftssorgen bieten; in ein modernes Europa investieren, politisch wie wirtschaftlich. Wir müssen für Transparenz und demokratische Teilhabe sorgen. Und wir müssen Europa endlich zu einem „Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts“ für alle machen, statt – unter Bruch völkerrechtlicher Grundprinzipien, die zum Teil aus demselben Krieg erwachsen waren wie die Europäische Union selbst – dabei zuzusehen, wie schutzsuchende Menschen aus Syrien oder dem Irak im Mittelmeer ertrinken.
Kurzum: Wir müssen die einstige Strahlkraft des gemeinsamen Europas wiederbeleben. Vor diesem Hintergrund wäre es falsch, ein plumpes "mehr" zu fordern. Mit Sicherheit werden wir aber die Zusammenarbeit dort vertiefen (und richtig kommunizieren) müssen, wo einzelne Staaten angesichts globaler Herausforderungen längst nicht mehr in der Lage sind, zielorientierte Politik zu gestalten.
Zunächst aber wird es darauf ankommen, an die Entscheidung der Britinnen und Briten mit Vernunft und ohne Vergeltungsgedanken heranzugehen. Denn ja, es gilt nun auch, einen Schneeballeffekt zu vermeiden. Vielmehr sollte das Gegenteil unser Ziel sein: Europa wieder zu dem zu machen, was es in den Jahren seiner Entstehung war – ein glaubwürdiges Zukunftsversprechen für den gesamten Kontinent.